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Die Philosophie der Tierrechtsbewegung
In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts kam es zu einer historischen Wende in der Philosophie: Während bis dahin unser Umgang mit Tieren, wenn überhaupt, fast ausschliesslich im Hinblick auf seine Auswirkungen auf unseren Umgang mit Menschen thematisiert wurde, gibt es seit dieser Zeit eine eigenständige Diskussion über den moralischen Status von Tieren. Ursache und Motor dieser Wende war und ist die so genannte Tierrechtsbewegung.
Den Beginn dieser Bewegung markiert das im Jahre 1975 erschienene
Buch «Animal Liberation» von Peter Singer. Der Titel
dieses Buches (deutsch 1982: «Befreiung der Tiere»)
illustriert zugleich Programm und Ziel der Tierrechtsbewegung: Unser
heutiger Umgang mit Tieren entspricht moralisch dem Umgang der
Weissen mit den Negersklaven. Und die Befreiung der Tiere ist heute
ebenso wichtig, richtig und notwendig, wie es einst die Befreiung der
Sklaven war.
Neben Peter Singer ist Tom Regan der prominenteste Vertreter dieser
neuen Bewegung, die bisher fast ausschliesslich im englischsprachigen
Raum präsent war, nun aber auch bei uns immer mehr Beachtung
findet. Singer und Regan stehen jeweils für ein philosophisches
Konzept, für eine «Richtung» innerhalb der
Tierrechtsbewegung. Singer argumentiert mit dem Gleichheitsprinzip,
Regan damit, dass sowohl Menschen als auch Tiere Rechte haben.
Inzwischen gibt es – ausgehend von diesen beiden Grundkonzepten
und wiederum vor allem im englischsprachigen Raum – eine
umfangreiche Literatur und eine lebhafte Diskussion über unsere
moralischen Pflichten gegenüber Tieren. Charakteristisch
für diese Diskussion sind drei Merkmale, die gleichzeitig den
Unterschied zum traditionellen Tierschutz, wie wir ihn im
deutschsprachigen Raum kennen, deutlich machen:
– Diese Diskussion wird in einer breiteren Öffentlichkeit
geführt.
– Diese Diskussion findet auch und vor allem auf
universitärer Ebene statt.
– Diese Diskussion hat reale Konsequenzen zugunsten der Tiere.
Ohne Übertreibung kann man sagen, dass die Philosophie der
Tierrechtsbewegung in den letzten 25 Jahren für die Tiere
ungleich mehr «gebracht» hat – vor allem: Menschen
von der moralischen Richtigkeit des Vegetarismus überzeugt hat
– als alle Tierschutz-«Philosophien» und
-Initiativen der vorangegangenen zwei Jahrtausende zusammen.
Gleichheitsprinzip
Es gibt, aller Rückschläge und realen
Unzulänglichkeiten zum Trotz, einen moralischen Fortschritt.
Dieser besteht in der langsamen, aber stetigen Ausdehnung der
moralischen Sphäre, das heisst in der Erweiterung jenes
Bereiches, innerhalb dessen unsere moralischen Regeln und
Rücksichten Geltung haben. Wir haben erkannt, dass andere
Stämme, andere Nationen, andere Rassen und das andere Geschlecht
in unsere moralische Sphäre aufgenommen werden müssen. Wir
haben eingesehen, dass Rassismus und Sexismus moralisch
willkürliche Diskriminierungen sind, weil Rasse und Geschlecht
moralisch unwesentliche Merkmale sind.
Der nächste konsequente Schritt besteht darin zu erkennen, dass
nicht nur die Rassen- und Geschlechtszugehörigkeit moralisch
bedeutungslos sind, sondern auch die Artzugehörigkeit:
«Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können
sie sprechen?, sondern: können sie leiden?», bemerkte der
englische Philosoph Jeremy Bentham bereits vor über 200 Jahren
in Bezug auf fühlende Lebewesen.
Die Diskriminierung aufgrund der Art oder Spezies, der Speziesismus,
ist ebenso willkürlich, falsch und unhaltbar wie die
Diskriminierung aufgrund der Rassen- oder
Geschlechtszugehörigkeit. Rasse, Geschlecht und Spezies sind
gleichermassen untaugliche moralische Kriterien.
Der Rassist sagt: «Weil du eine schwarze Haut hast, darf ich
dich als Sklaven halten.» Der Sexist sagt: «Weil du eine
Frau bist, darfst du nicht zur Wahl gehen.» Und der Speziesist
sagt: «Weil du ein Tier bist, kann ich dich lebenslang in Zoos
sperren, mit dir grausame Experimente durchführen und dich
umbringen und aufessen.» Rassismus, Sexismus und Speziesismus
befinden sich logisch und ethisch auf der gleichen Ebene. Sie sind
Verstösse gegen das grundlegende moralische Gleichheitsprinzip.
Dabei behauptet natürlich kein vernünftiger Mensch, dass
Menschen und Tiere in einem faktischen Sinne gleich wären.
Natürlich sind Menschen und Tiere verschieden – so wie
auch die Menschen untereinander verschieden sind. Menschen und Tiere
haben, wie die Menschen untereinander, unterschiedliche Interessen.
Deshalb verlangt auch niemand ernsthaft, dass Menschen und Tiere
gleich behandelt werden sollten. Unterschiedliche Interessen
erfordern und rechtfertigen eine unterschiedliche Behandlung. Tiere
brauchen zum Beispiel im Unterschied zu Menschen keine
Religionsfreiheit, weil sie keine Religion haben – so wie
Männer im Unterschied zu Frauen keinen Schwangerschaftsurlaub
brauchen, weil sie nicht schwanger werden können.
Was das moralische Gleichheitsprinzip fordert, ist schlicht dies: Wo
und soweit Menschen und Tiere ähnliche Interessen haben, da
sollen diese ähnlichen Interessen auch gleich
berücksichtigt, moralisch gleich ernst genommen werden.
Rassismus
Mit Hilfe des Gleichheitsprinzips lässt sich nun, wie bereits
angedeutet, konkret zeigen, dass und warum bestimmte moralische
Diskriminierungen ethisch nicht gerechtfertigt sind. Zum Beispiel
Rassismus. Nehmen wir die Diskriminierung von Schwarzen durch Weisse.
Untersuchungen haben ergeben, dass Schwarze bei Intelligenztests im
Durchschnitt schlechter abschneiden als Weisse. Über diese
Befunde und die daraus zu ziehenden Konsequenzen liesse sich nun
natürlich lange und trefflich streiten. Erstens handelt es sich
hier, wie gesagt, um durchschnittliche Unterschiede. Das heisst: Es
gibt viele Schwarze, die einen höheren IQ haben als der
Durchschnittsweisse, und es gibt viele Weisse, die einen niedrigeren
IQ haben als der Durchschnittsschwarze. Deshalb sind, so könnte
man plausibel argumentieren, kollektive Diskriminierungen von
vornherein unzulässig.
Zweitens ist fraglich, ob Intelligenztests überhaupt das messen,
was wir im Alltag unter Intelligenz verstehen. Drittens und vor allem
gibt es da die heiss umstrittene Frage: Handelt es sich bei den
festgestellten Unterschieden zwischen Schwarzen und Weissen nun
primär um genetisch bedingte, das heisst um angeborene
Unterschiede, oder handelt es sich primär um umweltbedingte
Unterschiede, also um solche Unterschiede, die lediglich die
bestehende soziale und pädagogische Benachteiligung der
Schwarzen widerspiegeln?
Glücklicherweise brauchen uns diese komplexen und kontroversen
Fragen aber gar nicht weiter zu beschäftigen. Denn fest steht ja
wohl: Was immer auch die Ursachen für das schlechtere
Abschneiden von Schwarzen bei Intelligenztests sein mögen, die
unterschiedlichen IQ-Werte ändern gewiss nichts daran, dass
Schwarze und Weisse im Wesentlichen die gleichen Interessen haben,
weil die wichtigsten menschlichen Interessen von
Intelligenzunterschieden überhaupt nicht berührt werden:
Das Interesse, angemessene Nahrung und Unterkunft zu haben, das
Interesse, befriedigende persönliche Beziehungen zu anderen zu
haben, das Interesse, seine Fähigkeiten entfalten zu können
und frei zu sein, um seine Pläne zu verwirklichen, das
Interesse, keine Schmerzen zu haben, usw. – kurz: Die
grundlegenden menschlichen Interessen, sind von unterschiedlich
ausgeprägter Intelligenz völlig unabhängig.
Rassisten treten aber für eine räumliche Trennung,
zumindest für eine soziale Andersbehandlung – insbesondere
in Bezug auf
(Aus-)Bildungschancen – der Schwarzen ein, die zur Folge haben,
dass die Interessen der Schwarzen weniger befriedigt werden als die
ähnlichen Interessen der Weissen. Rassisten nehmen also die
ähnlichen Interessen von Schwarzen und Weissen nicht gleich
ernst, sie verleihen diesen ähnlichen Interessen nicht das
gleiche moralische Gewicht. Deshalb ist Rassismus falsch.
Sexismus
Auf analoge Weise wie beim Rassismus kann man auch zeigen, dass und
warum Sexismus aufgrund des Gleichheitsprinzips falsch ist.
Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen durchschnittlich eine
grössere Sprachbegabung haben als Männer, während
Männer wiederum durchschnittlich grössere mathematische
Fähigkeiten haben. Ausserdem sind Männer im Allgemeinen
aggressiver als Frauen. Wie bei den Intelligenzunterschieden zwischen
Schwarzen und Weissen gilt es auch hier zu bedenken:
Bei den angeführten Unterschieden zwischen Männern und
Frauen handelt es sich, wie gesagt, um durchschnittliche
Unterschiede. Es gibt viele Männer, die eine grössere
Sprachbegabung als die Durchschnittsfrau haben, und es gibt viele
Frauen, die eine höhere mathematische Begabung haben als der
Durchschnittsmann. Deshalb wäre es nie und nimmer
gerechtfertigt, etwa zu sagen: «Weil du eine Frau bist, darfst
du nicht Mathematik studieren» oder «Weil du ein Mann
bist, darfst du nicht Sprachen studieren». Analoges gilt
für die Aggression.
Auch bei den angeführten psychischen Unterschieden zwischen den
Geschlechtern gibt es, wie bei den oben diskutierten
Intelligenzunterschieden zwischen Schwarzen und Weissen, eine
lebhafte Diskussion darüber, ob die festgestellten Unterschiede
nun primär genetisch oder primär umweltbedingt sind. Und
wie dort, so können wir auch hier feststellen:
Was immer auch die Ursachen für die angeführten
Unterschiede zwischen Männern und Frauen sein mögen, diese
Unterschiede ändern nichts daran, dass Männer und Frauen im
Wesentlichen die gleichen Interessen haben, weil die wichtigsten
menschlichen Interessen von unterschiedlichen sprachlichen oder
mathematischen Fähigkeiten und von unterschiedlich
ausgeprägter Aggressivität überhaupt nicht
berührt werden: Das Interesse, angemessene Nahrung und
Unterkunft zu haben, das Interesse, befriedigende persönliche
Beziehungen zu anderen zu haben, das Interesse, seine
Fähigkeiten entfalten zu können und frei zu sein, um seine
Pläne zu verwirklichen, das Interesse, keine Schmerzen zu haben,
usw. – kurz: die grundlegenden menschlichen Interessen sind von
unterschiedlich ausgeprägten sprachlichen oder mathematischen
Fähigkeiten ebenso unabhängig wie von unterschiedlich
ausgeprägter Aggressivität.
Sexisten treten aber für eine generelle Andersbehandlung
(zumindest und insbesondere in Bezug auf Ausbildung und Berufswahl)
von Mädchen und Frauen ein, die zur Folge hat, dass die
Interessen der Frauen weniger befriedigt werden als die
ähnlichen Interessen der Männer. Sexisten nehmen also die
ähnlichen Interessen von Frauen und Männern nicht gleich
ernst, sie verleihen diesen ähnlichen Interessen nicht das
gleiche moralische Gewicht. Deshalb ist Sexismus falsch.
Speziesismus
Wir haben gesehen, dass die Menschen in Bezug auf die wichtigsten
Interessen gleich sind: Alle Menschen haben ein Interesse an
angemessener Nahrung und Unterkunft usw. Und weil alle Menschen ein
Interesse an angemessener Nahrung und Unterkunft usw. haben, sollen
wir diese Interessen auch bei allen Menschen gleich ernst nehmen,
gleich berücksichtigen – und dürfen nicht
willkürliche Diskriminierungen aufgrund der Rassen- oder der
Geschlechtszugehörigkeit vornehmen.
Nun gibt es aber nicht nur Interessen, die bei allen Menschen gleich
sind. Es gibt auch Interessen, die bei Menschen und Tieren gleich
sind. Das wichtigste dieser gemeinsamen Interessen von Menschen und
Tieren ist das Interesse, nicht zu leiden. Sowohl Menschen als auch
Tiere haben ein enormes und existentielles Interesse, nicht zu
leiden. Und weil sowohl Menschen als auch Tiere ein ausgeprägtes
Interesse, nicht zu leiden, haben, müssten wir gemäss dem
Gleichheitsprinzip dieses Interesse auch bei Menschen und Tieren
gleich berücksichtigen, moralisch gleich ernst nehmen –
und dürften nicht willkürliche Diskriminierungen aufgrund
der Artzugehörigkeit vornehmen.
Tatsächlich berücksichtigen wir in unserem Umgang mit
Tieren deren Interesse, nicht zu leiden, aber nicht nur nicht gleich
wie das menschliche Interesse, nicht zu leiden, sondern wir
berücksichtigen das tierliche Interesse, nicht zu leiden, in der
Regel überhaupt nicht. Wir behandeln Tiere, als wären sie
leidensunfähig. Und deshalb, weil wir dieses tierliche Interesse
nicht gleich berücksichtigen wie das ähnliche menschliche
Interesse, impliziert unser Verhalten gegenüber Tieren einen
Verstoss gegen das Gleichheitsprinzip, eine willkürliche
speziesistische Diskriminierung.
Vegetarismus
Unser Speziesismus gegenüber Tieren manifestiert sich in
vielerlei Hinsicht. Zum Beispiel bei Tierversuchen, beim Pelzetragen,
beim Stierkampf und bei anderen «Sportarten» – und
beim Fleischessen. Fleisch zu essen ist aber nicht nur eine
speziesistische Praktik unter vielen, sondern unsere Gewohnheit,
Tiere für Ernährungszwecke aufzuziehen und umzubringen, ist
in mehrfacher Hinsicht die speziesistische Praktik:
– Fleischessen ist die quantitativ bedeutendste speziesistische
Praktik: Allein in den USA werden für die menschliche
Ernährung täglich 14 Millionen Tiere geschlachtet. Das sind
im Jahr fünf Milliarden Tiere – Fische nicht
mitgezählt. Weltweit werden jährlich über 20
Milliarden Tiere geschlachtet. Damit ist das Töten von Tieren
für menschliche Ernährungszwecke die zahlenmässig
schwerwiegendste Ausbeutung von Tieren durch den Menschen.
– Fleischessen ist die biographisch früheste
speziesistische Praktik: Mit dem Essen von Fleisch beginnen wir in
einem Alter, in dem wir noch nicht begreifen, dass das, was wir
essen, tote Tiere sind. Anders wäre es bei vielen Kindern auch
gar nicht möglich, sie dazu zu bringen, ausgerechnet die Leichen
jener Wesen zu verspeisen, die zu lieben, liebkosen, streicheln und
beschützen sie immerfort (von Eltern, Geschichten und
Kinderbüchern) ermuntert und ermahnt werden.
– Fleischessen ist die psychologisch wichtigste speziesistische
Praktik: Weil wir in einem so frühen Alter mit dem Fleischessen
beginnen (müssen), treffen wir in Bezug auf das Fleischessen nie
eine eigene, freie, bewusste Entscheidung aufgrund richtiger und
vollständiger Informationen. Vielmehr wird diese Gewohnheit in
uns verankert, bevor wir sie bewusst ablehnen oder akzeptieren
können. Das heisst: Zum Fleischessen haben wir uns nicht
entschieden, sondern zum Fleischessen wurden wir dressiert bzw.
konditioniert.
Und Fleischessen konditioniert seinerseits zum Speziesismus, zur
speziesistischen Grundhaltung. Fleischessen ist das psychologische
Fundament für alle speziesistischen Praktiken. Denn: Wenn wir
erst einmal innerlich akzeptiert haben, dass wir leidensfähige
Lebewesen für so banale Zwecke wie unsere Geschmacksvorlieben
quälen und töten (lassen), dann akzeptieren wir auch jede
andere, noch so frivole Ausbeutung von Tieren.
Helmut F. Kaplan
Unter anderem Autor von:
– Tiere haben Rechte – Argumente und Zitate von
A–Z, Harald Fischer Verlag
– Tierrechte – Philosophie einer Befreiungsbewegung,
Echo-Verlag
– Leichenschmaus – Ethische Gründe für eine
vegetarische Ernährung, Rowohlt-Verlag
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